21. Januar 2019: Fotografisches Gedächtnis

Wer will „Paintball“ spielen mit dem Vizekanzler? Quelle: Süddeutsche Zeitung

Unser Vizekanzler hat ein fotografisches Gedächtnis. Er konnte sich schon vor zwölf Jahren ganz genau erinnern, wie man kompromittierende Fotos richtig deutet.

Wir erinnern uns doch noch. Die Fotos zeigten Strache als jungen Mann bei irgendwelchen Wehrsportübungen der „volksdeutschen Jugend“ in fantasievoll zusammengestellten Uniformen mit Wehrmachtsgürtel und Neonazi-Kameraden, von denen einige inzwischen wegen Wiederbetätigung vorbestraft sind. Manche Fotos zeigten die jungen Männer mit Schlagstock und bei der Gaudi nachgestellter Hinrichtungen.

Aber das fotografische Gedächtnis unseres derzeitigen Vizekanzlers ist noch viel genauer, als das was man sieht. In seiner Wirklichkeit war das nämlich ein ganz harmloses Paintball-Spiel. Und die Uniformen waren doch einfach billige Kleidung gewesen, die man mit Farbe bekleckern durfte. Und die jungen Neonazis ganz unbescholtene Bürger.

Dass diese Fotos das Licht der Öffentlichkeit erblickten, hatte man parteiinternen Intrigen zu verdanken. Der Ewald Stadler wars bestimmt, der, der die FPÖ katholisch unterwandern wolle, so hieß es jedenfalls damals aus der FPÖ-Parteispitze. Bevor Strache das auch wieder halb dementierte. Oder so ungefähr.

Egal, das ganze verschwand ohnehin von der politischen Oberfläche, wie so vieles andere andere auch. Straches fotografisches Gedächtnis war einfach stärker.

Und so wird es wohl auch jetzt wieder sein.

Da hat doch infamer Weise Rudolf Fußi letztes Jahr ein Foto des Vizekanzlers gefunden und veröffentlicht, das ihn 2015 in einer Kneipe in Spielfeld zeigt, beim gemütlichen Zusammensein mit mehreren bekannten Mitgliedern der rechtsradikalen „Identitären“. Einer von ihnen, Patrick Lenart, war 2016 bis 2018 immerhin deren Bundessprecher.

Ein netter Abend in Spielfeld. Strache „weit entfernt“ von zufälligen Kneipenbekanntschaften

Grund genug für den Vizekanzler wieder einmal auf sein fotografisches Gedächtnis zu vertrauen – und Rudolf Fußi zu verklagen. Streitwert: 35.000,- €. So kann man jemand schon mundtot machen. Das Bild sei eine Fälschung, so Straches Anwalt Rami in der Klagschrift. Strache sei dort hineinmontiert worden, er hätte dieses Lokal in Wirklichkeit nie betreten. Und mit den Identitären würde er sich im Übrigen eh nicht beschäftigen.

Nun ist es so: Die Kneipe, das „Las Legas“ in Spielfeld, gehört Werner Legat, eine „Legende in der Südsteiermark“, wie HC Strache am 14. Dezember 2015 um 22.19 Uhr anlässlich seines Besuches im Las Legas selbst stolz auf facebook postet, über einem Foto, das ihn herzlich vereint mit Legat in eben dessen Kneipe zeigt. Kneipenwirt Legat wiederum posiert nicht nur gerne mit Strache, sondern auch mit Identitärenlogo auf dem T-Shirt, oder auch mit dem Abzeichen der SS-Totenkopf-Division und mit dem Reichsadler. Gleichzeitig hilft er seinen Freunden der FPÖ wo er kann. Mario Kunasek, inzwischen ja für die Landesverteidigung (wenn auch noch ohne Totenkopf) zuständig, bedankte sich im Dezember 2015 denn auch artig in seiner Rede in Spielberg bei Werner L. für seine Mitwirkung bei der Organisation des FPÖ-Besuches in der Grenzstadt, beim Stimmung machen, auf dem Höhepunkt der „Flüchtlingsankünfte“ in Österreich.

eine Kneipe, in der der Vizekanzler niemand kannte

Ob und wie sich der Vizekanzler derzeit mit den Identitären „beschäftigt“, wissen wir nicht. Jedenfalls hat er sie regelmäßig in seinen Facebook-Postings in Schutz genommen. Am 18. April 2016 beispielsweise, nach dem gewaltsamen Überfall der Identitären auf eine Hochschulveranstaltung mit Flüchtlingen, attestierte er der rechtsradikalen Krawalltruppe „eine parteiunabhängige nicht linke Bürgerbewegung zu sein“ und lobte sie für ihren „friedlichen Aktionismus“.

Der Prozess vor wenigen Tagen, am 17. Januar, nahm für den Vizekanzler und sein fotografisches Gedächtnis einen doch überraschenden Verlauf. Fußis Anwältin Maria Windhager legte dem Gericht gleich mehrere Fotos von dem schönen Abend im Las Legas vor. Sie stammten von einem Link auf der website des Lokals. Strache ruderte ein bissel zurück und räumte ein: „Dann wird es sich um keine Fälschung handeln, aber ich habe kein gemütliches Treffen mit Identitären gehabt.“

Straches Rechtsvertreter Michael Rami modifizierte die Klage daraufhin flugs und machte nun eine „empfindliche Kränkung“ seines Mandanten geltend, der sich inzwischen, der Gerichtstermin dauerte einfach zu lange, zurück in die Babykarenz verabschiedet hatte. So zu tun, als ob Strache mit Identitären „irgendeine vertrauliche Situation“ gehabt hätte, sei eine Beleidigung.

Wie steht es eigentlich um das fotografische Gedächtnis des Kanzlers? Müssen wir uns darauf einstellen, irgendwann einmal verklagt zu werden, wenn wir behaupten, Kanzler Kurz und HC Strache gemütlich gemeinsam an einem Tisch gesehen zu haben? Oder dass es eine Beleidigung sei, zu behaupten, dass sich der Kanzler mit der FPÖ beschäftigen würde. Aber nein: Der Kanzler beschäftigt sich mit dem Treiben seiner blauen Freunde wirklich nicht.

Wohl auch nicht mit der Tatsache, dass Straches Wahl seines Rechtsvertreters doch ein paar Fragen aufwirft. Michael Rami, das haben wir eben schon fast unbemerkt geschluckt, das ist doch nicht nur Straches und Kickls Anwalt in ihren obskuren Prozessen?

Ist das nicht einer der Verfassungsrichter dieser Republik? Gerade im letzten Jahr auf Betreiben der FPÖ in das Höchstgericht berufen. Ein Hüter der Verfassung, der im Dienste des Vizekanzlers Menschen mit Klagen überzieht, die es wagen, auf dessen politische Packeleien mit Feinden der Verfassung hinzuweisen? Klingt irgendwie gespenstisch.

Werbeanzeigen