26. Februar 2019: Kickl menschlich

Habe ich gestern daran gezweifelt, dass Herbert Kickl ein Mensch ist? Na ja, bittere Ironie ist nicht jedermanns Sache… Aber das Dilemma ist evident. Wenn man Herbert Kickl dabei zuhört, wie er scheinbar völlig emotionslos darüber spricht, wie man Menschen ihrer Würde berauben und die Verfassung zum Gespött machen kann, dann fällt es schwer, sich diesen Menschen bei einer menschlichen Handlung vorzustellen. Und dieses Versagen der Vorstellungskraft verstört mich mehr als alles andere. Es lässt einen hilflos zurück.

Mein Freund Michael hat seine eigene Theorie und die hat eine große Plausibilität. So groß dass sie mir schon wieder fast zu einfach erscheint. Schaut man Herbert Kickl in seine irgendwie traurigen Augen, während er mit seiner teilnahmslosen Rhetorik über Flüchtlinge redet, als würde er ihnen die Beinchen und die Flügel ausreißen wie einer gefangenen Fliege, mit dem sachlichen Interesse an der Mechanik des Lebens, wie sie Kinder manchmal an den Tag legen, wenn sie ihre „sadistische“ Phase haben, dann sieht Michael einen verwundeten Menschen, der sich rächt.

Für all die Kränkungen, die ihm nicht zuletzt der liebe Gott, also Jörg Haider, einst zugefügt hat. Der sich von ihm die Reden schreiben ließ und ihn ansonsten nichts werden ließ. Der sich rächt für all den Spott, den die „Linkslinken“, die „Gutmenschen“, die „Weicheier“, und jetzt auch noch „die Vorarlberger“ über ihn ausgegossen haben. Oder wie war Kickls Hinweis auf die „weltanschaulichen Ecken und geografischen Gegenden des Landes“, aus denen er kritisiert worden wäre, wohl sonst zu verstehen.

Kickl rächt sich, an denen die sich nicht wehren können, den Fremden, den Migranten, den Asylwerbern. Vor allem aber an denen die sich offenbar nicht wehren wollen. Einer Sozialdemokratie, die sich im Gerangel um ein klein bisschen Aufmerksamkeit am Stammtisch selber in den Abgrund redet. Die es nicht fertig bringt, einen gefährlichen Unsinn einen gefährlichen Unsinn zu nennen. Und stattdessen darüber nachdenkt, die Schutzhaft, und damit ein Werkzeug der Diktatur, wenn schon denn schon dann doch lieber gleich für alle Österreicher einzuführen. Kickl rächt sich an einer Opposition, die mehr damit beschäftigt ist, sich untereinander zu streiten und sich selbst schachmatt zu setzen. Er lässt sich nicht wirklich ansehen, wieviel Spaß ihm das macht. Aber irgendwie merkt man es doch, wieviel Spaß es ihm macht.

Herbert Kickl und sein Kanzler können sich zurücklehnen und genüsslich dabei zuschauen, wie andere das Geschäft für sie erledigen. Sie können bei diesem grausamen Spiel überhaupt nicht verlieren. Wenn was in ihre Richtung vorwärts geht, ist es prima. Wenn nichts vorwärts geht, sind die anderen daran Schuld. Die Opposition oder der Europäische Gerichtshof, irgendwer, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Und sie legen ein Scheit nachdem anderen nach, ganz bedächtig.
Inzwischen hat Herbert Kickl präzisiert, wie er sich das mit der Schutzhaft so vorstellt. Und man ertappt sich selbst dabei, dass man die Tarnsprache der Nazis nun dafür verwendet, die Dinge beim Namen zu nennen, für die unsere Regierung eine neue Tarnsprache erfunden hat. Auch das gehört zur bitteren Ironie dieser Tage.
Über die Verhängung dieser Schutzhaft sollen die Asylbehörden selber entscheiden. Und irgendein Richter soll es halt hinterher überprüfen. So stellt sich der Innenminister Gewaltenteilung vor. Alles in einer Behörde: die Entscheidung darüber, welcher Flüchtling als „Gefährder“ eingestuft und prophylaktisch eingesperrt wird, welcher Flüchtling nur nachts weggeschlossen oder in irgendeinem Lager im Wald deponiert wird, fernab der Zivilisation, wer wann und wie abgeschoben wird, wer Asyl bekommt (wobei dieser Fall in Kickls Plan im Grunde schon ausgeschlossen ist), und schließlich auch, wer und wie eine „Rechtsberatung“ bekommt, durch eben die gleiche Behörde. Alles in einer Hand, in Kickls Hand. Der Traum absoluter Macht, wenn auch zunächst einmal über eine begrenzte Zahl von Menschen. Ein Laborversuch für das, was alles noch möglich ist.

Und indem Kurz und Kickl uns damit jeden Tag beschäftigen, haben sie auch uns in der Hand. Lassen wir sie also damit einfach alleine und versuchen auf einem anderen Planeten, nennen wir ihn ruhig einmal Europa, schon an den „Tag danach“ zu denken? Wird das gehen? Wie?