25. April 2019: Tradition schlägt Migration

Herr Vilimsky wird zum Gespräch gebeten. Der blaue Spitzenkandidat zur Europawahl wird von Armin Wolf interviewt. Und erwartet nach eigenem Bekunden, dass man ihm Fragen zur Wahlkampagne und zu den Plakaten der FPÖ stellt. Warum sollte man das eigentlich?

Armin Wolf hat ein Plakat der Freiheitlichen Jugend aus der Steiermark gefunden, über das lohnt es sich mehr zu sprechen, wie sich bald herausstellt. Das Plakat ist gerade mal ein Jahr alt, stammt also aus der Zeit der türkisblauen Regierung. Und es ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Das gleiche Motiv gibt’s auch als Aufkleber, der wird von der freiheitlichen Jugend vermutlich noch immer benutzt: „Tradition schlägt Migration“. Welchen semantischen Sinn das Wort „schlagen“ in dieser Parole haben soll, ist nicht ganz klar. Beim Kartenspielen hat das etwas mit übertrumpfen zu tun. Bei Burschenschaften sind die Hiebe schon schmerzhafter. Und in der politischen Realität im Umgang mit Minderheiten gibt’s da noch andere Traditionen in Österreich.

Zu sehen ist ein glückliches, junges „steirisches“ Paar in „Tracht“, umgeben von finsteren Gesellen über deren Herkunft uns Harald Vilimsky im arglostesten Ton der Unschuld auch gerne im ORF aufklärt:

„Ich erkenne hier islamische Zuwanderer. Ich glaub das an diesen Käppis zu erkennen. Schauen sie nur diesen Pierre Vogel an, diesen deutschen Islamisten, der hat auch so ein Käppi.“

Nun ist Pierre Vogel kein Zuwanderer, sondern genauso arisch-deutsch wie Herr Vilimsky es gerne wäre. Geboren in einem Vorort von Köln, Sohn eines Mitglieds der Hells Angels und evangelisch getauft und als 23jähriger zum salafistischen Islam konvertiert. Der hat seiner Suche nach Bedeutsamkeit offenbar das beste Forum geboten. Unter muslimischen Zuwanderern in Österreich spielen Salafisten (die in der Tat gerne Häkelkäppis) tragen, keine wirklich große Rolle. Aber sie machen genauso gerne mit radikalen Sprüchen auf sich aufmerksam, wie Herr Vilimsky, der leider in Österreich tatsächlich eine gewisse Rolle spielt, seitdem türkisblau alle Tore nach rechts aufgerissen hat.

Auch wenn Pierre Vogel vor seiner Konversion als jugendlicher Boxchampion unterwegs war, fehlen ihm keine Zähne. Ganz anders die islamischen Finsterlinge auf dem FPÖ-Plakat, die freilich nicht nur wegen ihrer gähnend-schwarzen Zahnlücken, sondern vor allem wegen ihrer„semitischen“ Hakennasen auffallen, die einen, ob man nun will oder nicht, an was erinnern? Na ja, an einschlägige antisemitische Karikaturen natürlich, die die Autoren der FPÖ-Jugendkampagne offenbar im Schlaf beherrschen.

Armin Wolf hat zum besseren Verständnis dieser Bildsprache ein historisches Referenzmotiv herangezogen, aus dem „Stürmer“, dem ausgewiesenen Fachblatt für antisemitische Propaganda. Und jeder sah, wie sich die Bilder gleichen. Nur Herr Vilimsky sah etwas anderes, nämlich rot. Das ist, wenn er auf Armin Wolf trifft, auch nicht überraschend. Denn egal, was Armin Wolf sagt, für Herrn Vilimsky ist es eh nur „rote Propaganda“.

Herr Vilimsky ging freilich noch weiter. Er drohte offen mit Konsequenzen. Schließlich befinden sich die türkisblauen auf dem Höhepunkt ihres Machtrausches. Gerade hat man ein Lieblingsprojekt durchgezogen und die Mindestsicherung wieder abgeschafft. Da lässt man sich doch von einer „roten Socke“ wie es im blauen Darknet heißt, nicht ans Bein pissen.

„Das ist etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann,“ lässt Vilimsky ungeniert vor laufender Kamera wissen. Von Orban oder Erdogan lässt es sich gut lernen, wie man mit der „Journaille“ umzugehen hat.

Zum Gegenstand selbst hat Vilimsky außer seinen halbgebildeten Ausflügen in das Studium der Kopfbedeckungen arisch-muslimischer Konvertiten aus Kölner Vororten vor allem die üblichen Formeln zu bieten: 1. In der Steiermark hätte sich darüber keiner aufgeregt. 2. Ich würde das nicht so machen. 3. Das Bild zeigt doch gar keine Juden sondern Muslime.

Was ER machen würde ließ er dann in ganz bescheidener Darstellung seiner unbedeutenden Rolle in der österreichischen Politik über die üblichen Parteikanäle, also die Zeitungen „Heute“ und „ÖSTERREICH“ die Öffentlichkeit wissen:

„Ich werfe dem ORF und dem Herrn Wolf übelste Manipulation in einem der sensibelsten Bereiche vor. Man kann über den Stil dieses Plakats reden. Ich hätte es nicht so gemacht. Aber es ist durch die Moschee klar ersichtlich, dass das Islamisten sind. Das erkennt man auch an der Kopfbedeckung. (…)

Ich erwarte mir, dass Wrabetz hier einschreitet. Und ich sehe als Gebührenzahler, nicht als Politiker, auch gar keine andere Konsequenz, als dass Wolf abgezogen wird. (…)

Also wäre ich Wrabetz, würde ich Wolf vor die Tür setzen! Ich bin aber nur Gebührenzahler und ich möchte aus meiner kleinen Rolle auch keinen Hehl machen.“ („Heute“)

„Wenn jemand im öffentlich-rechtlichen eine derartige Manipulation durchführt – nämlich aus einem Gesamtplakat einen Ausschnitt reduziert und den einem Stürmer-Magazin gegenüberstellt und mit der Judenverfolgung von damals assoziiert – ist das eine Sache, die aus meiner Sicht der ORF mit den entsprechenden Konsequenzen bedenken muss.“ („ÖESTERREICH“)

Nun hat Armin Wolf im ORF das „Gesamtplakat“ (der sprachschöpferische Genius der FPÖ ist einfach bewundernswert) durchaus präsentiert. Einen Ausschnitt hat hingegen die freiheitliche Jugend selbst als Aufkleber produziert. Für unsere Antisemitika-Sammlung im Jüdischen Museum möchte ich hiermit ausdrücklich ein Exemplar bei den jungen Leuten in Graz bestellen.

Ein Ausschnitt der FPÖ aus dem „Gesamtplakat“

Beim Durchblättern einschlägiger Motive ist mir noch ein anderes Referenzmotiv eingefallen, dass nur mit viel Ironie erträglich ist. 1934 erschien im Stürmer eine Karikatur, die fast als unmittelbares Vorbild für den Ring freiheitlicher Jugend gedient haben mag. Da wird einem feschen deutschen Mädel und ihrem ebenso feschen deutschen Burschen ein dicker Jude mit der üblichen Nase entgegengesetzt. Noch im gleichen Jahr haben türkische Faschisten die Karikatur für den türkischen „Markt“ adaptiert, mit einem strammen türkischen Pärchen, einer kleinen heimatlichen Dorfmoschee im Hintergrund und dem gleichen gierigen Juden. Es gibt eben auch Traditionen die migrieren. Man lernt ja voneinander.

Karikaturen in Deutschland und der Türkei 1934