11. Mai 2019: Von Satiren und Distanzierungen

Die Krux unserer politischen Gegenwart in Österreich ist, dass es immer schwerer fällt, zwischen Satire und Realität zu unterscheiden.

Hier ein paar Tipps und der Versuch ein wenig Ordnung in dieses Verwirrspiel zu bringen:

1.) Die Schenkelklopf-Satire

Besonders beliebt bei Mitgliedern der verschiedenen Fraktionen der türkisblauen Regierungspartei. Man wirft eine rassistische oder antisemitische Anspielung in die Öffentlichkeit. Wartet bis sich die entsprechenden Entrüstungsrituale einstellen. Erklärt dann im Brustton der Überzeugung, dass es sich um eine infame Unterstellung handelt, die den Nationalsozialismus verharmlosen würde. Haut sich auf die Schenkel und lacht sich halbtot.

2.) Die Distanzierung

Bedarf guter Abstimmung zwischen verschiedenen Gliederungen der türkisblauen Regierungspartei. Man verbreitet rassistische und antisemitische Videos, Aufkleber und Parolen oder verbreitet Gewaltaufrufe im Internet weiter. Ein Regierungsmitglied distanziert sich öffentlich von dieser „Ausdrucksweise“ (wörtliches Zitat) am nächsten Tag auf das mildeste. Einen weiteren Tag später hält man eine Rede vor besten Freunden und findet die Parolen, von denen man sich am Vortag „distanziert hat“ inhaltlich völlig berechtigt. Dann haut man sich gegenseitig auf die Schenkel und lacht sich halbtot.

3.) Die lustige Distanzierung

Schon erfolgreich vom Vizekanzler ausprobiert, aber sparsam zu benutzen, damit sich der Effekt nicht verbraucht. Als Politiker kann man bei zu exzessiver Anwendung dieses Rezepts unter Nebenwirkungen leiden. Aber ab und zu geht schon: Man setzt irgendein Hassposting in die Welt, und behauptet hinterher, es habe sich um Satire gehandelt. Und dann haut man sich mit seinen Freunden auf die Schenkel und lacht sich halbtot.

4.) Der Vergleich

Irgendjemand hat einen mal wieder bei der Wiederbetätigung erwischt, und – da Gerichte schnell mal überfordert sind – mangels anderer Möglichkeiten halt einen Kommentar im Standard oder einer anderen auflagenmäßig „irrelevanten“ Qualitätszeitung geschrieben. Kein Problem, der Boulevard wartet nur auf die nächste „Enthüllung“. Da bittet doch tatsächlich eine SPÖ-Ortsgruppe die für den 1. Mai engagierte Band, nicht unbedingt mit Gabalier-Songs aufzuspielen. Und die machen sich einen Spaß draus, erst recht Gabalier zu spielen. Ein SPÖ-Mitglied erinnert die Band an ihren Vertrag. Also irgendwie ein normaler Vorgang in einer bürgerlichen Gesellschaft. Für Andreas Gabalier und die „Krone“, und „Oe24“ und „Heute“ ist das, wie man erfährt, „Faschismus“. Gabaliers Musik nicht zu mögen, das ist doch ungefähr dasselbe, wie antisemitische Karikaturen posten, oder? Und nachdem wir jede Diskussion über Faschismus, Rassismus und Antisemitimus damit vollends lächerlich gemacht haben, treffen wir uns mit Gabalier auf ein Bier, hauen uns gegenseitig auf die Schenkel und lachen uns halbtot.

Nun gibt es auch den Versuch auf andere Weise satirisch zu sein. Wie wirksam das ist, müssen wir noch abwarten.

1.) Politkarriere

Statt als Politiker zum Satiriker zu werden, wie der österreichische Vizekanzler, kann man auch als Satiriker zum Politiker werden. In Italien hatte das ungefähr den gleichen Effekt wie das österreichische Modell. Der Ausgang des ukrainischen Experimentes ist noch offen.

2.) Einfach weiter Satire machen, als ob nichts wäre

Jan Böhmermann macht unverdrossen seinen Job. Vor gar nicht so langer Zeit bekam er dafür sogar Beifall vom österreichischen Boulevard. Da hatte er sich mit dem türkischen Sultan angelegt und ihn mit seinem Schmähgedicht aus der Reserve gelockt. Der österreichische Boulevard fand nichts dabei, dass Böhmermanns Schmähgedicht-Experiment dem türkischen Sultan Sex mit Ziegen unterstellte. Das war eine Satire. Und als der Sultan Strafverfolgung forderte, wusste man wieder einmal, dass in der Türkei die Menschenrechte in Gefahr waren.

Vor ein paar Tagen wurde Böhmermann in der ORF-Sendung „Kulturmontag“ von Christian Konrad auf eine Äußerung von Thomas Bernhard angesprochen, der die Österreicher vor vielen Jahren als „sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige“ bezeichnet hatte. Böhmermann korrigierte Bernhard insoweit: „Das Rad der Zeit hat sich ja weitergedreht: Jetzt sind es schon acht Millionen Debile.“ Der österreichische Nationaldichter war bekanntlich nicht nett. Das hat weder Politik noch Medien daran gehindert, ihn irgendwann mit Lobeshymnen und Preisen zu umarmen. Auch Jan Böhmermann ist nicht „nett“. Er übertreibt wirklich schamlos. Ich kenne viele Österreicher, die an dieser Regierung wirklich nicht schuld sind.

Auch in Österreich droht Böhmermann jetzt Strafverfolgung. So wie in der Türkei. Soweit wären wir also schon mal auf dem Weg der vielen kleinen Schritte. Die Klagschrift eines Wiener Anwalts (wird sich ein Gericht damit wirklich beschäftigen?) enthält unter anderem die Formulierung, dass sich der Kläger „persönlich als Staatsbürger gestört“ fühle, zum Beispiel durch Äußerungen Böhmermanns wie „Ein 32-jähriger Bundeskanzler ist übrigens nicht normal.“ Er selber sei immerhin 38, aber: „Ich würde auch nicht wollen, dass ein 38-Jähriger Bundeskanzler ist. (…) Aber Ihren Versicherungsvertreter mit dem ganzen Haargel: Haben Sie da niemand Besseren? Und dürfen Sie das überhaupt senden, was ich sage?“

3.) Die satirische Distanzierung

Moderatorin Clarissa Stadler hat sich am Ende des Beitrags folgendermaßen zu Wort gemeldet: „Der ORF distanziert sich von den provokanten und politischen Aussagen Böhmermanns“. Dutzende von ernsthaften Journalisten sind entsetzt über diese „Distanzierung“ des ORF hergefallen.

Hallo? Die Ironie nicht bemerkt?
Aber wenn ORF-JournalistInnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als selbst Satiriker zu werden, scheint im Sender tatsächlich der Wasserstand zu steigen.

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