21. Mai 2019: Ich

Die Rede geht mir noch nach. 7 Minuten und 37 Sekunden brauchte Kanzler Kurz, um seine Konsequenzen aus dem Desaster seiner Koalition mit der Freiheitlichen Partei Österreichs zu verkünden. Fragen von Journalisten wurden nicht zugelassen.

Das wichtigste Wort seiner Rede war zugleich die Zusammenfassung seines Programms: „Ich“. „Ich habe“, ich musste“, „ich möchte“, „ich werde“…

Sebastian Kurz hat in dieser kurzen Rede in wohlgesetzten Worten alle Rollen durchgespielt, die ihm seine kleine, eingeschworene Schar – und die vor allem er sich selbst auf den Leib geschrieben hat. Er kommt zu uns, als einer von uns, und tritt heraus, um uns die Wahrheit zu künden, für uns zu leiden, uns zu dienen und uns aus dem Jammertal zu führen.

Ich bin einer von Euch
Sebastian Kurz beginnt seine Rede mit einer Umarmung. Nach den 24 Stunden voller Dramatik möchte er seine Einschätzung der Situation mit uns „teilen“.

Nun, wie man jetzt weiß, weiß er schon etwas länger als wir von dem, was da ans Licht getreten ist. Aber er möchte sich gerne zu uns gesellen. Und noch einmal das tun, was er schon vor zwei Jahren getan hat. Er möchte sich rufen lassen, aus dem Heer der Gelähmten und Stillstehenden, er möchte hervortreten und einen Auftrag annehmen.

„Ich bin vor zwei Jahren angetreten um Veränderung in unserem Land durchzusetzen.“ Angetreten um Stillstand und Streit zu beenden.

Wir wissen, dass er vor zwei Jahren schon länger damit beschäftigt war, jedes gemeinsame Reformvorhaben der „alten“ Koalition zu torpedieren. Dass er seit Monaten damit beschäftigt war, seinen Vorgänger zu beschädigen. Dass er, finanziert durch Steuermittel, also den engsten Mitarbeitern in seinem Ministerium, die Übernahme der „alten“ Volkspartei generalstabsmäßig geplant hat und schließlich, nachdem er gehörig zu ihrer Lähmung beigetragen hatte, aus der Deckung kam und seinen Putsch erfolgreich durchzog. Aber er geht davon aus, dass dies niemand interessiert.

Ich bin die Wahrheit
„Ich habe damals ein Versprechen abgegeben, ich habe der Bevölkerung, den Wählerinnen und Wählern versprochen, dass ich mir immer selbst treu bleiben werde, egal was kommt. Ich habe auch versprochen, dass ich Wahrheiten aussprechen werde, selbst wenn diese unangenehm sind, und ich habe gesagt, dass ich tun werde, was richtig ist und was notwendig ist.“

Mit diesem Zirkelschluss wird alles richtig und notwendig, was er tut. In der Tat, er bleibt sich treu, denn alles was sein ist, ist gut und ist wahr. Noch größer als er ist nur eines, seine Sendung. Und vor ihr verneigt er sich in Demut.

Ich konnte nicht anders
„Ich war mir sehr wohl bewusst, dass der Weg mit der FPÖ als Regierungspartner Widerstand auslösen wird. Aber man muss sagen, dass zum damaligen Zeitpunkt die einzige Partei, die bereit war, eine Koalition einzugehen, die Freiheitliche Partei war. Wenn ich jetzt auf die letzten zwei Jahre inhaltliche Arbeit zurückblicke, dann tue ich das aus voller Überzeugung und mit großer Freude.“

ER hat getan, was getan werden musste. Nur ER war dazu bereit, nur ER war groß genug, diesen Auftrag anzunehmen, der noch größer war als er selbst. Und ja, ER hat uns aus dem Jammertal des Stillstands hinausgeführt. Und jetzt ist er bescheiden und vereinigt sich im Wir – und zählt die Erfolge seines Wirkens auf:
„Wir haben es geschafft“, die „illegale Migration nach Österreich“ zu reduzieren. Nun sind in Wirklichkeit die Zahlen dramatisch gesunken, noch bevor er angetreten ist, und dies auch nicht auf Grund der menschenverachtenden Abschiebepraxis sondern aufgrund eines von Angela Merkel durchgesetzten Türkei-Deals über den man nicht mehr laut reden möchte.

„Wir haben es geschafft“, die arbeitende Bevölkerung zu entlasten. Bis jetzt hat man freilich den Menschen Entlastungen eher versprochen, als „geschaffen“. Und zugleich hat man bei den Ärmsten schon gespart.

„Wir haben es geschafft, die Schuldenpolitik zu beenden“. So kann man reden, wenn die Steuereinnahmen aufgrund von Hochkonjunktur besonders üppig sprudeln. Aber auch darum geht es gar nicht.

An dem was „seine“ Regierung getan hat, darf weder etwas falsch sein, noch irgendetwas nicht „unser Verdienst“. Und darum dankt er auch allen Regierungsmitgliedern, auch jenen, die er gerade im Begriff ist, vor die Tür zu setzen.

Ich habe gelitten
Doch nun muss der Satz vorbereitet werden, der hinterher zitiert werden soll: „genug ist genug“. Noch immer wartet das Publikum auf ein Wort zum eigentlichen Anlass dieser Rede: dem Videobeweis dafür, mit wem ER dieses kurze goldene Zeitalter eröffnet hat. Und so kommen wir vom Heilsbringer zum Märtyrer. Denn ER hat dafür Opfer bringen müssen.

„Sie haben wahrscheinlich aber auch alle mitverfolgt, dass in den letzten beiden Jahren für diese inhaltlichen Erfolge ich bereit sein musste, viel auszuhalten und auch vieles in Kauf zu nehmen: über das Rattengedicht, über die Nähe zu rechtsradikalen Gruppierungen bis hin zu immer wiederkehrenden Einzelfällen. Und auch, wenn ich mich nicht immer öffentlich dazu geäußert habe, so können Sie sich wahrscheinlich vorstellen, gab es viele Situationen, in denen mir das sehr schwergefallen ist, das alles herunterzuschlucken.“

Während wir ihm lauschen, haben wir noch immer das Gefühl, dass hier jemand spricht, der zu nichts anderem treu ist, als zu sich selbst.
Auch jetzt ist noch immer nicht die Rede von jenen, die unter all dem, was ER da im Stillen hinunterschlucken musste, womöglich tatsächlich leiden mussten. Von ihnen wird überhaupt nicht die Rede sein.

Und nachdem wir nun erfahren haben, dass ER im Stillen gelitten und ausgeharrt hat, kommt Kurz nun tatsächlich zum Kern. Und der heißt in seinem Kopf womöglich noch immer so.

Es geht nicht um mich
„Auch wenn die Methoden klarerweise für mich schon sehr eindeutig an Tal Silberstein erinnern, verachtenswert sind der Inhalt, der ist einfach, wie er ist.“

Schon HC Strache hat am Mittag das Video als Teil eines Komplotts dargestellt. Auch Straches Verschwörungstheorie gipfelt im Signalwort „Silberstein“, den Inbegriff des Bösen: Der Jude und die Sozialdemokratie waren es also gewesen. Man ist versucht zu denken: Wie immer.
Schon vor zwei Jahre bekam der unglückliche israelische Marktforschungswunderdoktor von türkis und blau den Nimbus des Dämonen schlechthin umgehängt. Dabei hat er eigentlich nur die SPÖ in einen selbstzerstörerischen Strudel höchst fragwürdiger Methoden hineingezogen, mit denen Wählerverhalten ausgetestet werden sollte. Schäbig.
Aber vollkommen wirkungslos, bis der Böller in den Händen der Sozialdemokraten detonierte und entsprechend Schaden anrichtete. So wurde Silberstein schon damals zum Sündenbock für alles, was die Republik schon lange an Korruption und miesen Wahlkampftaktiken zu bieten hatte. An ihm konnte man, wie man hier so schön sagt, sich abputzen. Und so wurde Silberstein schließlich unfreiwillig zum wichtigsten Wahlkämpfer: von Kurz und Strache.

Und immer noch ist sich nicht nur Strache sondern auch Kanzler Kurz nicht zu schade dafür, es mit diesem erfolgreichen Manöver noch einmal zu versuchen. Während wir uns eher an die Praxis investigativer Journalisten erinnern, die schon Kurz‘ Parteikollegen und ehemaligen Innenminister Ernst Strasser ins Gefängnis brachte.

„Auch wenn die Methoden klarerweise für mich schon sehr eindeutig an Tal Silberstein erinnern, verachtenswert sind der Inhalt, der ist einfach, wie er ist. Was über mich in diesem Video gesagt wird von Beschimpfungen bis hin zu sehr derben Anschuldigungen und Unterstellungen, das ist alles eigentlich nebensächlich.“

Vier lange Minuten sind vergangen. Kurz ist wieder beim Thema angekommen. Das Thema ist: er selbst, die Infamie seiner Gegner, und seine eigene Bescheidenheit. Das es in dem siebenstündigen Video aus Ibiza irgendwann auch um angebliche Sexpartys des späteren Kanzlers ging, genauso wie übrigens um angebliche Sexpartys des früheren Kanzlers (und beides verrät allenfalls etwas über die Phantasien desjenigen der sie ausspricht), das ist nicht nur nebensächlich, es hat hier schlicht nichts zu suchen. Es gehört nirgendwo hin, und am wenigsten in diese Rede an diesem Tag.
Aber es ist Kurz wichtig genug, es genau hier an ERSTER Stelle zu sagen. So wie er fortwährend sagt, „es geht nicht um mich“, um genau das zu sagen: es geht NUR um ihn.

Wenn in dem Video zu sehen ist, wie zwei zugekokste Politiker sich an der Phantasie ihrer zukünftigen Allmacht berauschen, dann könnte einem dazu ja auch einfallen, dass sie dies nicht zuletzt deswegen tun, weil sie wissen, dass – wir sind im Wahlkampf 2017 – sich gerade ein junger Politiker in seiner Partei an die Spitze geputscht hat, der mit ihnen, und nur mit ihnen einen Teufelspakt eingehen möchte. Sie sind sich ihrer Sache schon so sicher. Und das schlimmste ist, sie haben allen Grund dazu.

Und neben Koks und Alkohol und Red Bull und der Anblick einer offenbar attraktiven Frau ist dies das stärkste Rauschmittel, das sie kennen. Der Vorgeschmack der Macht. Das macht sie gefährlich, aber auch verletzlich. Empfänglich für eine Falle.

Kurz, so wie er jetzt – frei von jedweder Zerknirschung, frei von jeder Einsicht in die eigene Fehlbarkeit, frei von allen Trieben und menschlichen Regungen – vor der Presse und damit vor der Öffentlichkeit steht, demonstriert vor allem seine Unverletzlichkeit. Er ist Asket. Das einzige Rauschmittel, das er kennt, ist er selbst, sein Erfolg.

So kann er nun den an sich selbst gescheiterten Rivalen ihren Mangel an Einsicht vorwerfen.

„Und es entspricht, das möchte ich auch ganz ehrlich sagen, nicht dem politischen Zugang, den ich habe, nämlich der Republik und den Menschen in unserem Land zu dienen.“

Ich könnte jetzt
Aber natürlich hat Kurz noch etwas zu tun: er muss den nächsten Wahlkampf beginnen. Er weiß. Die Zeit läuft ihm sonst davon. Er muss zeigen, dass er das Gesetz des Handelns in der Hand hat, auch wenn er tut, was er muss. Und dieses müssen, muss einem Höheren geschuldet sein.

„Ich könnte natürlich es mir leicht machen und versuchen irgendwie die eigene Macht aufrecht zu erhalten, ich könnte Köpfe tauschen und so tun als wäre nicht viel gewesen, ich könnte einen fliegenden Wechsel zur Sozialdemokratie anstreben…“

Wir wissen, all das könnte er natürlich nicht. Lediglich Köpfe zu tauschen wäre angesichts dessen, was sich gerade offenbart hat, Selbstmord auf offener Bühne. Und die Sozialdemokratie ist gerade ganz unten und wartet nicht auf SEINE Gnade, sondern auf Neuwahlen. Und die genau werden jetzt verkündet. Von IHM. Er trifft die Entscheidung. Er trifft sie einsam, bescheiden und er denkt dabei keine Sekunde an sich und seine eigene Macht.

Ich allein muss führen
„Ich möchte gerne für unser wunderschönes Land arbeiten und zwar mit meinem politischen Zugang, mit meinem Kurs und auch mit der Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung. Aber ganz ohne Einzelfälle, Zwischenfälle und sonstige Skandale. Ich glaube, dass das derzeit mit niemandem möglich ist.“

ER ist allein, die einzigen, mit denen er sein großes Projekt der „Veränderung“ beginnen konnte, haben sich als verführbar erwiesen, verführbar von ihren eigenen Trieben, von Rauschmitteln, schönen Frauen, Geld und Macht. Nur er, der Asket, kann das Land uneigennützig führen. Und daher bittet er demütig um unsere Vollmacht. Freilich, man muss seinen Namen noch immer auf dem Wahlzettel finden können, noch steht dort irgendetwas ähnliches wie ÖVP. Und daher muss er nun auch die Partei, die er sich gefügig gemacht hat und auf deren Trümmern er nach oben gestiegen ist, am Ende, ganz am Ende seiner Rede wenigstens einmal erwähnen. „Nur wenn die Volkspartei, nur wenn wir nach der Wahl die Möglichkeit haben, auch wirklich eindeutig den Ton anzugeben, dann können wir die Veränderung, die wir begonnen haben, auch zu Ende bringen und fortsetzen.“

Und damit hat die Volkspartei auch schon wieder ausgedient. Denn Kurz bietet nicht seine Partei zur Wahl an, auch nicht eine politische Idee, die über „weniger Steuern“ und „weniger Migranten“ und „weniger Schulden“ hinausreichen würde. Kurz bietet Kurz, den neuen Führer, den er demütig und bescheiden „eine Person“ nennt.

„Ich glaube fest daran, dass es in unserem Land klare Verhältnisse und damit auch einen klaren Wählerauftrag an eine Person geben sollte, die das Land führen möchte. Und darum werde ich in den kommen Wochen und Monaten werben und dafür bitte ich natürlich um ihre Unterstützung. Vielen Dank.“

Werbeanzeigen