Da sage noch einer, die türkisblaue Regierung hätte ein unklares Verhältnis zur direkten Demokratie. Es kommt nur darauf an, alles professionell vorzubereiten. Zum ersten: es bedarf einer sorgsamen Einstimmung der öffentlichen „Meinung“. Zum zweiten: es braucht eine effektive Abstimmungsmaschinerie. Und schon ist sie da, die Entscheidung „Österreichs“, dem „UN-Pakt“ zum Thema Migration Monate nach erfolgreichem Abschluss aller Verhandlungen nachträglich die Zustimmung zu verweigern. Zur Sicherung eines eindeutigen Ergebnisses wurde die „Volksabstimmung“ in der Online-Ausgabe der Kronen-Zeitung durchgeführt.
Im Internet, an den Stammtischen, in der Boulevardpresse und leider auch in der österreichischen Regierung kursieren nun wilde Gerüchte darüber, worum es bei diesem Pakt geht. Ein Faktencheck ist einfach, das Dokument ist im Internet zu finden: http://www.un.org/depts/german/migration/A.CONF.231.3.pdf
Dieser UN-Pakt, aus dem die USA unter Trump wie zu erwarten schon frühzeitig ausgestiegen ist, wurde von 190 Staaten gemeinsam formuliert. Nur Ungarn unter Orban hat ebenfalls schon bald seine Ablehnung zu Protokoll gegeben. Ich habe das Dokument gelesen. Die Sprache ist die Sprache diplomatischer Schriftstücke, viele abstrakte Begriffe, hehre Ziele auf die man sich ohne jede rechtliche Bindung „verpflichtet“ und keine konkreten Maßnahmen. Die überlasst das Dokument der souveränen Entscheidung der Unterzeichner.
Zu denen Österreich nun nicht mehr gehören soll. Weitere rechte Regierungen werden folgen, und ein Dominoeffekt scheint unausweichlich. Denn im Internet ist inzwischen aus dem Brausen ein Orkan geworden.
Dieser Orkan besteht im Wesentlichen aus sechs Lügen. Aber das ist der türkisblauen Regierung eh wurscht.
Lüge 1: Der Pakt sei ein völkerrechtlich bindender Vertrag, der die Souveränität der Staaten aufheben würde. Davon kann keine Rede sein. Im Gegenteil: das Dokument betont mehrfach ausdrücklich das Recht der Nationalstaaten ihre eigene Migrationspolitik zu betreiben und den Rechtsstatus von Migranten selbst zu definieren und reguläre von irregulären Migranten zu unterscheiden.
Lüge 2: Der Pakt würde ein „Menschenrecht auf Migration“ schaffen. Diese Lüge ist besonders infam. Davon ist nirgends auch nur andeutungsweise die Rede. Der UN-Pakt stellt lediglich fest, dass die Menschenrechte auch für Migranten gelten und ruft dazu auf, diese zu wahren. Eigentlich also eine Selbstverständlichkeit. Aber offenbar nicht für die österreichische Bundesregierung. Das lässt für die Zukunft der Menschenrechte in Österreich nichts Gutes erwarten.
Lüge 3: Der Pakt würde die ungehemmte Migration fördern. Das Gegenteil ist Tenor des Dokuments: es fordert dazu auf, koordiniertes Grenzmanagement zu betreiben, Migrationsursachen zu bekämpfen, das Schlepperwesens zu bekämpfen, und die Rückkehr von irregulären Migranten in ihre Heimatländer besser zu organisieren. Der UN-Pakt spricht allerdings auch die Binsenwahrheit aus, dass Migration eine weltweite Tatsache ist und dass sie unbestreitbar zur wirtschaftlichen Entwicklung beiträgt.
Lüge 4: Der Pakt würde nicht zwischen Flüchtlingen und Migranten unterscheiden. Genau das tut der UN-Pakt aber mehrfach und dezidiert. Und er unterscheidet entschieden zwischen regulärer und irregulärer Migration. Damit freilich verweigert sich das Dokument der Wortwahl rechter Propaganda, für die jeder irreguläre Migrant ein „Illegaler“ ist der wie ein Schwerverbrecher zu behandeln sei.
Lüge 5: Der Pakt würde die Meinungsfreiheit einschränken. Man dürfe nur noch positiv über Migranten berichten. Auch das ist böswilliger Unsinn. Im Dokument ist lediglich davon die Rede, dass die Staaten ihren Bürgern faktengestützte Informationen zum Thema Migration zur Verfügung stellen sollen. Das freilich ist für die österreichische Regierung offenbar schon eine Zumutung.
Lüge 6: Der Pakt würde dazu führen, dass Migranten die soziale Hängematte angeboten wird. Auch das ist Unsinn. Der Pakt formuliert das hehre Ziel, Migranten nicht verhungern zu lassen und ihnen irgendwelche Sozialleistungen zu gewähren, sie möglichst in den Arbeitsprozess und in Bildungsangebote zu integrieren. Alleine das führt schon zu Wutausbrüchen. Den Umkehrschluss, der für eine wachsende Zahl von Wutbürgern offenbar naheliegt, mag man sich eigentlich gar nicht vorstellen.
Die österreichische Regierung ist offenbar derart in den Horrorfantasien dieser dreisten Lügen gefangen, dass sie nicht einmal mehr weiß, wie das Dokument heißt, das ihre Vertreter bei den Vereinten Nationen mit ausverhandelt haben. Im Ministerratsvortrag am vergangenen Mittwoch war vom „Globalen Pakt für sichere, geregelte und planmäßige Migration“ die Rede, den Österreichs Bundesregierung nicht annehmen wolle. Der Begriff „planmäßig“ fand sich bisher nur in einschlägigen rechten Foren im Internet. In der offiziellen deutschen Übersetzung heißt das UN-Dokument „Globaler Pakt für sichere, geregelte und reguläre Migration“.
Vermutlich informiert sich die Bundesregierung über dieses Dokument auch selbst nicht mehr bei ihren eigenen Beamten, sondern in ebenjenen Internetforen, die seit September zum Sturm gegen den UN-Pakt geblasen haben. Eine Bundesregierung, gefangen im Echoraum „sozialer Medien“, das übersteigt tatsächlich alle bisherigen Befürchtungen. Die rechtsradikalen „Identitären“ feiern Österreichs „Nein“ entsprechend schon als ihren „ersten Sieg“. Bereits Mitte September hatte Identitärenchef Sellner zum Widerstand gegen den UN-Pakt aufgerufen, der „den Untergang der europäischen Völker“ besiegeln würde und eine „Online-Petition“ gestartet, wie die konservative Neue Zürcher Zeitung am Wochenende berichtete. Die rechtsextreme Plattform „Wochenblick“, immer wieder von der FPÖ mit Inseraten gefüttert und von Strache auf facebook verbreitet, machte sich diese Petition schnell zu eigen („der Widerstand wächst“) und rief Bundeskanzler Kurz auf, Österreichs Unterschrift zu verweigern. Auch die Plattform „unzensuriert“, ebenso FPÖ-nah wie rechtsextrem, stimmte mit ein. Und schon Ende September kündigte die FPÖ schließlich öffentlich ihren Widerstand gegen den „Migrations-Pakt“ an.
Mit der Kampagne der Kronen-Zeitung war die Desinformations-Welle nicht mehr aufzuhalten. Kanzler Kurz spielte offenbar bereitwillig mit. Und Österreich hat sich damit an die Spitze jener Länder gestellt, die eine konstruktive, internationale Zusammenarbeit lächerlich machen. Die nächsten Dominosteine kippeln schon.
Hier noch eine Übersicht über die 23 konkreten Ziele des UN-Paktes.
- Erhebung und Nutzung korrekter und aufgeschlüsselter Daten als Grundlage für eine Politikgestaltung, die auf nachweisbaren Fakten beruht.
- Minimierung nachteiliger Triebkräfte und struktureller Faktoren, die Menschen dazu bewegen, ihre Herkunftsländer zu verlassen.
- Bereitstellung korrekter und zeitnaher Informationen in allen Phasen der Migration.
- Sicherstellung dessen, dass alle Migranten über den Nachweis einer rechtlichen Identität und ausreichende Dokumente verfügen.
- Verbesserung der Verfügbarkeit und Flexibilität der Wege für eine reguläre Migration.
- Förderung einer fairen und ethisch vertretbaren Rekrutierung von Arbeitskräften und Gewährleistung der Bedingungen für eine menschenwürdige Arbeit.
- Bewältigung und Minderung prekärer Situationen im Rahmen von Migration.
- Rettung von Menschenleben und Festlegung koordinierter internationaler Maßnahmen betreffend vermisste Migranten.
- Verstärkung der grenzübergreifenden Bekämpfung der Schleusung von Migranten.
- Prävention, Bekämpfung und Beseitigung von Menschenhandel im Kontext der internationalen Migration.
- Integriertes, sicheres und koordiniertes Grenzmanagement.
- Stärkung der Rechtssicherheit und Planbarkeit bei Migrationsverfahren zur Gewährleistung einer angemessenen Prüfung, Bewertung und Weiterverweisung.
- Freiheitsentziehung bei Migranten nur als letztes Mittel und Bemühung um Alternativen.
- Verbesserung des konsularischen Schutzes und der konsularischen Hilfe und Zusammenarbeit im gesamten Migrationszyklus.
- Gewährleistung des Zugangs von Migranten zu Grundleistungen.
- Befähigung von Migranten und Gesellschaften zur Verwirklichung der vollständigen Inklusion und des sozialen Zusammenhalts.
- Beseitigung aller Formen der Diskriminierung und Förderung eines auf nachweisbaren Fakten beruhenden öffentlichen Diskurses zur Gestaltung der Wahrnehmung von Migration.
- Investition in Aus- und Weiterbildung und Erleichterung der gegenseitigen Anerkennung von Fertigkeiten, Qualifikationen und Kompetenzen.
- Herstellung von Bedingungen, unter denen Migranten und Diasporas in vollem Umfang zur nachhaltigen Entwicklung in allen Ländern beitragen können.
- Schaffung von Möglichkeiten für schnellere, sicherere und kostengünstigere Rücküberweisungen und Förderung der finanziellen Inklusion von Migranten.
- Zusammenarbeit bei der Ermöglichung einer sicheren und würdevollen Rückkehr und Wiederaufnahme sowie einer nachhaltigen Reintegration.
- Schaffung von Mechanismen zur Übertragbarkeit von Sozialversicherungs- und erworbenen Leistungsansprüchen.
Stärkung internationaler Zusammenarbeit und globaler Partnerschaften für eine sichere, geordnete und reguläre Migration.

